Erfahrungsberichte Arbeitgeber

Psychiatrische Dienste der Spitäler fmi AG, Interlaken

Die Psychiatrischen Dienste der spitäler fmi ag beschäftigen seit mehreren Jahren bereits zwei festangestellte Peers, welche beide eine Ex-In Ausbildung absolviert haben. Zudem arbeiten sie in einer Auftragsbasis mit einer weiteren Peerfachfrau zusammen, ebenfalls Ex-In ausgebildet. Einer der aktuellen Ex-In Studierenden hat bereits mehrere Praktikas bei uns absolviert und dann haben wir schliesslich noch eine angehende Ex-In Peerfachfrau, die bei uns ein Vorbereitungspraktikum absolviert. Die festangestellten Peers sind in der Tagesklinik und im Ambulatorium Interlaken tätig mit einem Pensum von 30 beziehungsweise 40 Stellenprozent.

Peers sind einerseits eine wichtige Ergänzung für die Behandlungsteams, andererseits auch wichtige Brückenbauer zwischen Team, Betroffenen und Angehörigen. Gerade Menschen mit schweren oder auch bereits langdauernden psychischen Erkrankungen haben oft die Hoffnung auf eine Besserung verloren, haben oft das Gefühl, dass sogenannte Profis sich zu wenig in sie hinein fühlen können. Oft ist es für sie auch schwieriger, Vertrauen zu fassen zu jemand, der für sie so anders, so gesund wirkt.

Am besten lässt sich der Vorteil der Peerarbeit an einem Beispiel erläutern: ich habe über zwei Jahre einen Menschen mit einer chronischen Schizophrenie begleitet, der kaum noch das Haus verliess. In seiner Wahrnehmung war die Luft mit elektrischen Strahlen belastet, was für ihn gefährlich war. Verschiedene Psychopharmaka bzw. eine traditionelle psychiatrische Behandlung konnten hier keine Veränderung seiner Wahrnehmung bewirken, und es gelang ihm nur mit grösster Mühe in Begleitung das Haus zu verlassen. Bereits nach ein paar Sitzungen mit einer Peerfachfrau änderte sich dies, er verliess das Haus wieder.

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Auch Angehörige erleben Peers oft als gute Ansprechpersonen, die alle drei Seiten verstehen. Auch wird das Angebot als niederschwelliger erlebt. Die Hürde, einen Arzt anzusprechen, ist oft relativ hoch. Schliesslich gibt es auch Menschen, die den Kontakt zur Psychiatrie meiden, da sie gegen ihren Willen durch die ambulante Psychiatrie in eine Klinik eingewiesen wurden. Hier übernehmen Peers oft eine wichtige Brückenbauerfunktion.
Insgesamt wird der Einsatz von Peers von Betroffenen, von den Mitarbeitenden der Psychiatrischen Dienste und den Angehörigen sehr geschätzt. Wichtig ist, dass Peers nicht alleine arbeiten in einer Institution, immer mindestens zu zweit. Wichtig ist auch gerade zu Beginn eine engmaschige Begleitung, da die Ausbildungen aus meiner Sicht auf einer zu abstrakten Flughöhe sind und den Peers zu wenig konkretes Handwerkszeug für den beruflichen Alltag als Peer vermitteln. Für die Behandler bedeutet der Einsatz von Peers aber auch, dass gewisse Sachen hinterfragt werden müssen. Subtile Stigmatisierungen, die plötzlich auffallen wenn jemand, der selbst auch betroffen ist, mit am Tisch sitzt in einem Rapport.

Für uns in den Psychiatrischen Diensten der spitäler fmi ag ein noch nicht gelöstes Problem ist wie die Frage zu lösen ist, wenn Betroffene, die bei uns in Behandlung sind, eine Peerausbildung machen. Können sie bei uns anschliessend arbeiten oder nicht? In den USA wo man diese Frage schon länger behandelt, scheint es keine einheitliche Lösung zu geben. Es gibt Institutionen, bei denen dies möglich ist, bei anderen nicht. Auch die Finanzierung der ambulanten Peerarbeit ist noch unklar.

Bedanken möchten wir uns explizit beim Verein ExIn. Er hat die ExIn-Peerausbildung in der Schweiz initiiert, organisiert und nun auch wiederholt durchgeführt – eine sehr, sehr tolle Sache!

Dr. med. Thomas Ihde, Chefarzt

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Universitäre Psychiatrische Dienste (UPD), Bern

 Die Universitären Psychiatrischen Dienste beschäftigen seit 2009 sechs Peer-Mitarbeitende in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Infothek und in den verschiedenen Einheiten der Erwachsenenpsychiatrie. In der gesamten Organisation wird aktuell eine einheitliche Definition von Begriffen und Massnahmen zu Peer Involvement angestrebt. Als psychiatrischer Dienstleistungsbetrieb haben wir den Anspruch, künftig allen Patienten und Patientinnen Peer-Angebote zugänglich zu machen.

Im Jahr 2011 konnten wir im Bereich Psychotherapie auf der Psychotherapietagesklinik (PTK) eine Peer-Mitarbeiterin nach Abschluss ihrer EX-IN Ausbildung anstellen. Die Zusammenarbeit ergab sich durch ihr Praktikum auf der PTK im Rahmen ihrer EX-IN Ausbildung.

Als übergeordnetes Ziel wurde in der PTK definiert, dass unsere Peer-Mitarbeiterin in möglichst vielen behandlungsrelevanten Bereichen ihre Betroffenenperspektive einbringen soll. Ein Beispiel: Sie wurde bereits im Vorfeld bei der Konzeptualisierung und Implementierung einer ambulanten Peer-Supportgruppe einbezogen. In ihrer Funktion als Peer-Mitarbeiterin teilte sie mit dem Projektteam einerseits ihre Erlebniswelt als Betroffene und gab uns andererseits wertvolle Anregungen.

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In den Anfängen galt es, im Team Aufklärungsarbeit zu leisten. Den Befürchtungen und Widerständen begegnete die Peer-Mitarbeiterin mit Offenheit, Herzlichkeit und Transparenz. Ein regelmässiger Austausch findet bei stationsbezogenen Informationsaktivitäten und Teamsitzungen statt. Dieser wird mittlerweile als unerlässlich und wertvoll empfunden. Die Peer-Mitarbeiterin bringt der Station und den Patientinnen und Patienten ihr Rollenverständnis als EX-IN Absolventin und Peer-Mitarbeiterin nahe.

Als Hauptaufgabe moderiert die Peer-Mitarbeiterin eine ambulante Peer-Supportgruppe. In dieser Gruppe finden Grundlagen aus der Dialektisch Behavioralen Therapie (DBT) nach Marsha Linehan Anwendung. Die Peer-Mitarbeiterin erhielt ihre Grundlagen in einer DBT-Weiterbildung. In der Peer-Supportgruppe ist sie die Gruppenleiterin und vermittelt den Teilnehmenden Fähigkeiten, mit deren Hilfe sich Verhaltens-, Gefühls- und Denkmuster verändern lassen. In der Gruppe werden Schwierigkeiten, welche in Alltagssituationen auftreten können, anhand des DBT-Manuals vermittelt. Da wir uns bei der Erstellung des Konzeptes für dieses Angebot einig waren, dass Krisen zum Leben gehören, vereinbarten wir, dass Schwierigkeiten innerhalb der Gruppe offen angesprochen werden. Alle Teilnehmenden inkl. der Peer-Mitarbeiterin geben sich Support. So erhalten sie untereinander viele wertvolle Anregungen, welche sich positiv auf ihre Lebensqualität auswirken.

Die Mitarbeit bei der Qualitätsoptimierung und der Wirksamkeitsüberprüfung des Behandlungsangebotes ist eine weitere Aufgabe der Peer-Mitarbeiterin. Da der Übergang vom teilstationären Setting in den Alltag zu Schwierigkeiten führen kann, unterstützt uns die Peer-Mitarbeiterin mit diesem Angebot als Brückenbauerin. Die Teilnehmenden erleben die Peer-Mitarbeiterin als Hoffnungsträgerin.

Ein weiteres Aufgabenfeld (neben den Gruppenangeboten) der Peer-Mitarbeitenden stellt das Einbringen der Betroffenenexpertise in Form von Einzelberatungen dar. Folgend nun ein Praxisbeispiel aus dem Schwerpunkt Affektive Erkrankunge der Sation Freiburghaus, aus der Sicht des Stationsleiters:

Auf der Station Freiburghaus, eine Akutstation mit 20 Betten, werden Patientinnen und Patienten betreut, die einer psychiatrischen und medizinischen Behandlung, Überwachung und Pflege bedürfen. Es werden neben allgemeinpsychiatrischen Patienten schwerpunktmässig Patienten mit affektiven Erkrankungen behandelt.

 Auf der Station Freiburghaus dürfen wir von einer festangestellten Peermitarbeiterin sowie zeitweise auch Praktikantinnen und Praktikanten aus der EX-IN-Ausbildung profitieren. Sie sind eine grosse Bereicherung für das ganze Team sowie für die Patientinnen und Patienten. Für mich als Stationsleiter ist es immer wieder erstaunlich, wie einfach es den Peermitarbeitenden gelingt eine Beziehung mit dem Patienten aufzubauen. Dank dieser, durch Erfahrungen gestärkten Beziehung, gelingt es den Peermitarbeitenden eine wichtige Ergänzung zur bereits bestehenden Bezugspersonenarbeit zu leisten. Aus Rückmeldungen der Patienten kann ich sagen, dass die Gespräche mit Peermitarbeitenden für die Patienten ungezwungener und offener empfunden werden. Die Patienten haben das Gefühl verstanden zu werden. Es ist für sie wichtig, dass das Verständnis nicht von Fachwissen oder Berufserfahrung, sondern von persönlicher Erfahrung her kommt.

 Das grosse Vertrauen von Seiten der Patienten erfordert viel Erfahrung, Selbstbewusstsein und mentale Stärke der Peermitarbeitenden. Im Berufsalltag, insbesondere in der Zusammenarbeit mit dem Pflegeteam ergeben sich daraus für die Peermitarbeitenden viele Fragen wie z.B.: Was und wie dokumentiere ich? Welche Informationen leite ich an das Pflegeteam weiter? Wie informiere ich den Patienten, dass das Gespräch vertraulich ist, dennoch wichtige Informationen (z.B. akute Selbst- oder Fremdgefährdung) weitergeleitet werden müssen? Durch solche und weitere Fragen entsteht die Kommunikation zwischen Pflegefachpersonen und Peermitarbeitenden und im übertragenen Sinne mit dem ganzen Interdisziplinären Team.

Die Peermitarbeitenden, welche ich bisher erleben durfte, waren sehr engagiert, motiviert und hatten stets die nötige positive selbstkritische Wahrnehmung, um ihren Arbeitsalltag reflektieren zu können. Dank der EX-IN-Ausbildung können Peermitarbeitende ein erfülltes Berufsleben führen, was der Recovery-Grundhaltung der Universitären Psychiatrischen Diensten Bern entspricht.

Zu guter Letzt hat uns die Erfahrung der letzten Jahre vor Augen geführt, dass bei den Teammitarbeitenden, Lernenden und Studierenden verschiedener Berufsgruppen eine Sensibilisierung für das Thema Betroffenenperspektive und Einbezug von Peer-Involvement stattgefunden hat.


Jacqueline Schneider, Bereichsleitung Pflege, Schwerpunkt Psychotherapie
Daniel Güdel, Stationsleiter Pflege, Schwerpunkt Affektive Erkrankungen

Bern, 30. November 2016

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